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Langzeit-Fütterungsversuch mit Ratten

Neue Studie zu Gentechnik-Mais in Fachkreisen umstritten

Nach den Ergebnissen einer Langzeit-Fütterungsstudie der Universität Caen sollen gentechnisch veränderter Mais NK603 und das Herbizid Roundup bei Ratten zu schweren Gesundheitsschäden führen. Die Studie ist allerdings in Fachkreisen umstritten. Andere Wissenschaftler bemängeln das Versuchsdesign und die statistische Auswertung als fragwürdig und den im Versuch eingesetzten Rattentyp als ungeeignet. Ungeachtet dessen haben drei französische Minister die EU-Kommission zum Handeln aufgerufen und auch eine „notfallmäßige Aussetzung“ der Importzulassung für NK603-Mais als mögliche Option gefordert.

Ratte

Gentechnisch veränderter Mais und das Herbizid Roundup sollen vermehrt Krebs und Nierenschäden bei Ratten auslösen, so die Interpretation einer neuen Fütterungsstudie.

Quelle: Wikimedia commons

Gilles-Eric Seralini

Gilles-Eric Seralini von der Universität Caen leitet die Arbeitsgruppe, die die neuesten Fütterungsversuche zu gentechnisch verändertem Mais durchführte.

Quelle: Universität Caen

Die Forschergruppe um Gilles-Eric Seralini von der Universität in Caen hatte am 19. September ihre Forschungsergebnisse über mögliche Gesundheitsrisiken des Maises NK603 der Presse mitgeteilt. NK603 ist ein gentechnisch veränderter Mais des Unternehmens Monsanto, der unempfindlich gegenüber dem Herbizidwirkstoff Glyphosat ist. Er ist seit 2004 in der EU als Lebens- und Futtermittel zugelassen. Ein Anbau in der EU ist jedoch nicht erlaubt.

Zweijähriger Langzeitversuch statt 90-Tage-Test

Das Team von Seralini führte Fütterungsversuche mit Ratten über die gesamte Lebensspanne der Tiere durch, etwa zwei Jahre. In der Regel dauern Fütterungsstudien zur Gesundheitsbewertung von gv-Pflanzen maximal drei Monate. Viele Experten sind der Auffassung, dass längere Studien z.B. wegen der einseitigen Ernährung der Versuchstiere keine zusätzlichen Erkenntnisse bringen können.

Für die Untersuchung wurden zehn Gruppen aus jeweils zehn Männchen und zehn Weibchen mit unterschiedlicher Nahrung gefüttert:

  • Drei Gruppen erhielten ein Futter, das zu 11, 22 oder 33 Prozent aus dem gentechnisch veränderten NK603-Mais bestand.

  • Drei weitere Gruppen erhielten das gleiche Futter, jedoch war der Mais zuvor mit dem Herbizid Roundup behandelt worden.

  • Drei Versuchsgruppen bekamen Wasser mit dem Herbizid Roundup. Die höchste Dosis soll dem erlaubten US-Grenzwert für Roundup in gentechnisch veränderten Lebensmitteln entsprochen haben.

  • Die zehnte Gruppe war die sogenannte Kontrollgruppe. Deren Futter bestand ausschließlich aus konventionellem Mais und Wasser ohne Herbzidzusatz.

Seralini berichtet, 50 Prozent der Männchen und 70 Prozent der Weibchen seien frühzeitig gestorben, in der Kontrollgruppe dagegen nur 30 bzw. 20 Prozent. Für die höhere Sterblichkeit seien bei den weiblichen Tieren hauptsächlich Brustkrebs, bei den männlichen Tieren Leber- und Nierenschäden sowie Hautkrebs verantwortlich. 17 Monate nach Versuchsbeginn seien fünf Mal mehr Tiere in der mit gv-Mais gefütterten Gruppe gestorben als in der Kontrollgruppe. Seralini interpretiert die Ergebnisse als klaren Hinweis, dass durch das Herbizid bzw. die Inhaltsstoffe des gv-Maises das Hormonsystem der Tiere gestört sei und dadurch Organschäden und Krebs ausgelöst werden. Für ihn sind die Ergebnisse alarmierend.

Studienergebnisse umstritten – Ergebnisse hinfällig?

Eine Reihe von Wissenschaftlern äußerten sich bereits sehr kritisch zu dieser Studie. Unabhängige britische Wissenschaftler wie Prof. David Spiegelhalter (Universität Cambridge), Prof. Maurice Moloney (Rothamsted Research) und Prof Anthony Trewavas (Universität Edinburg) halten das Versuchsdesign, die statistischen Auswertungen und die in der Publikation zur Verfügung gestellten Daten für mangelhaft:

  • Die eingesetzten Versuchstiere sind natürlicherweise sehr anfällig für Krebserkrankungen. Mehr als 70 Prozent dieser sogenannten Sprague-Dawley-Ratten erkranken innerhalb von zwei Jahren spontan an Krebs.

  • Die Kontrollgruppe bestand nur aus zehn Tieren. Dies sei für eine statistisch sichere Auswertung der Versuche nicht ausreichend, mindestens 90-180 Tiere wären nötig. Bei zehn Tieren sei die Zahl derjenigen, bei denen sich Effekte gezeigt haben, eher zufällig und lasse keine Rückschlüsse auf die beobachteten Unterschiede in den anderen Versuchsgruppen zu.

  • Die Gesundheitsbeeinträchtigungen bei den Versuchstieren nahmen nicht mit steigender Menge an gv-Mais oder Herbizid im Futter zu. Dies ist aber in der Regel zu erwarten, wenn bestimmte Substanzen im Futter für die Effekte verantwortlich sind. In Seralinis Studie traten die stärksten Effekte teilweise bei der geringsten Dosis auf. Teilweise ging es den mit gv-Mais oder herbizidhaltigem Wasser gefütterten Tieren sogar besser als der unbehandelten Kontrollgruppe.

  • Das verabreichte Futter sei durch den hohen Gehalt an Mais zu einseitig und daher für die lange Versuchsdauer ungeeignet. In der Studie sei auch nicht angegeben, wie viel Futter die Tiere tatsächlich aufgenommen haben. Die verwendete Rattenlinie ist aber dafür bekannt, dass die Tiere bei hoher Futteraufnahme häufiger an Krebs erkranken.

  • Die Studie enthält keine Daten über die genaue Zusammensetzung des Futters, z.B. über die mögliche Belastung des verwendeten Maises mit Pilzgiften. Solche Substanzen könnten die beobachteten gesundheitlichen Störungen auch ausgelöst haben.

Mark Tester vom Australian Centre for Plant Functional Genomics (Universität Adelaide) bezeichnete die statistischen Auswertungen als „unkonventionell“. Da es keinen definierten Plan für die Datenanalyse gegeben habe, so vermutet er, hätten die Wissenschaftler nach Studienabschluss mit den Daten solange herumrechnen können, bis etwas Auffälliges dabei herauskam. In der Publikation fehlen viele Daten aus den Fütterungsversuchen und auch statistische Größen wie Schwankungsbreiten von Versuchsdaten. Auf dieser Basis fällt es externen Wissenschaftlern schwer, die von Seralini und seinen Kollegen formulierten Schlussfolgerungen nachzuvollziehen.

Seralini hatte schon 2007 mit Studienergebnissen über angebliche Gesundheitsgefährdungen durch den gv-Mais MON863 auf sich aufmerksam gemacht. Diese Arbeit hatte die Umweltorganisation Greenpeace mitfinanziert. Nach Bewertung seiner Ergebnisse kamen die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zu dem Schluss, dass sie keine gesundheitlichen Risiken belegen.

EFSA prüft Studie, Politik fordert Zulassungsstopp

Die EU-Kommission teilte mit, dass man die neue Studie überprüfen werde. Sie beauftragte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit mit dieser Aufgabe. Auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) wollen sich erst nach einer genauen Analyse der Studie dazu äußern.

Politiker in Frankreich möchten dagegen schnellere Reaktionen sehen. Die Europaabgeordnete Corine Lepage forderte die EU-Kommission auf, die Zulassung von NK603 auszusetzen und Langzeituntersuchungen jetzt auch für andere in der EU zugelassene gv-Pflanzen durchzuführen. Der französische Landwirtschaftsminister Le Foll, Umweltministerin Batho und Sozialministerin Touraine schrieben in einer gemeinsamen Mitteilung, möglicherweise sei eine „notfallmäßige Aussetzung der Importzulassung“ für NK603 angemessen.

Der baden-württembergische Verbraucherminister und Vorsitzende der Agrarministerkonferenz, Alexander Bonde, will das Thema in der kommenden Woche auf die Tagesordnung der Agrarministerkonferenz setzen, um mögliche Konsequenzen zu diskutieren.

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