Debatte: Die öffentliche Diskussion um Grüne Gentechnik
"Das Kernproblem ist die Vermischung von wissenschaftlichen und politischen Argumenten."
Noch immer wird Grüne Gentechnik in erster Linie als Risiko wahrgenommen. Obwohl es seit Jahren eine biologische Sicherheitsforschung gibt, ist die Auffassung weit verbreitet, mögliche Folgen gentechnisch veränderter Pflanzen für die Umwelt seien nicht erforscht. Während die Politik diese Haltung verstärkt, sind Wissenschaftler in der öffentlichen Debatte kaum zu vernehmen. bioSicherheit sprach darüber mit Karl-Heinz Kogel, Biologe und Agrarwissenschaftler an der Universität Gießen. Er hat sich intensiv an den öffentlichen Diskussionen über seinen Freisetzungsversuch mit gv-Gerste beteiligt.
bioSicherheit: Wo sehen Sie denn den Nutzen der Pflanzenbiotechnologie, der in der Gesellschaft überzeugend vermittelt werden kann?
Karl-Heinz Kogel: Aus meiner Sicht ist es immer noch ein wesentliches Ziel, den chronischen Hunger zu überwinden und Pflanzen mit einer besseren Qualität zu entwickeln. Gerade unter der Anforderung der Nachhaltigkeit wird Gentechnik hier zukünftig einen Beitrag leisten. Ein noch größeres Potenzial sehe ich, wenn es darum geht, die Folgen des Klimawandels zu mindern, gerade im Bereich erneuerbarer Energien und nachwachsender Rohstoffe. Wenn man sich die aktuelle Grundlagenforschung anschaut, sind viele Ansätze zu überzeugenden Lösungen zu erkennen.
Wir müssen auch die möglichen Konsequenzen und Gefahren deutlich machen, die darin liegen, wenn wir nicht handeln. In unseren Breiten ist zum Beispiel die Ökobilanz nachwachsender Rohstoffe nicht gut - hier sind neben anderen auch biotechnische Verfahren geeignet, um an das Produktionsverfahren angepasste, effizientere Pflanzen zu entwickeln. Heute glaubt man, ohne Einschränkungen auf diese Technologie verzichten zu können. Doch wenn, wie heute schon in der Medizin, auch bei der Grünen Gentechnik deutlich wird, welche Nachteile die Nicht-Anwendung hat, wird sich die öffentliche Meinung ändern.
bioSicherheit: In der Gesellschaft haben wir allerdings keine Nutzendebatte, sondern eine Risikodebatte. Hinzu kommt, dass die Wissenschaftler - und vor allem die seriöse Sicherheitsforschung - in dieser Debatte kaum eine Rolle spielen.
Karl-Heinz Kogel: Da sind wir beim Kernproblem. Die Bewertung des Risikos gentechnisch veränderter Pflanzen geschieht nicht auf wissenschaftlicher Grundlage, sondern wird politisch entschieden. Diese Durchmischung von politischen und wissenschaftlichen Argumenten erschwert die Diskussion ganz erheblich - auch vor Ort.
Ein aktuelles Beispiel ist der Bescheid des BVL mit dem vorläufigen Vertriebsverbot von Bt-Mais MON810. Faktisch ist es eine politische Entscheidung, die man als Staatsbürger akzeptieren muss. Entsetzlich finde ich aber die Begründung, die von einer Gefahr für die Umwelt spricht. Aus wissenschaftlicher Sicht hält sie einer substantiellen Analyse nicht stand. Wenn Sie die entsprechenden Publikationen bis 2007 sorgfältig analysieren, wird deutlich: Es haben sich keine Risiken für Mensch, Tier und Pflanzen gezeigt, ganz sicher keine, die über das normale Niveau von gezüchteten Pflanzen hinaus gehen. Es gibt weltweit keine Pflanzen, kaum eine Chemikalie, die besser untersucht worden ist als Bt-Mais oder Bt-Toxin. Die biologische Sicherheitsforschung, die das BMBF seit Jahren mit vielen Millionen fördert, hat auf die meisten Risikofragen Antworten geliefert. Aber genau die werden nicht berücksichtigt. Das ist ein schwerer handwerklicher Fehler.
Als Fachmann für biologischen Pflanzenschutz - wir haben in dieser Richtung viel publiziert - muss ich auch sagen, dass die Konsequenzen der Argumentation kaum bis zu Ende gedacht werden. Wenn das Bt-Toxin wirklich eine Gefahr darstellt – wie Anreicherung im Boden oder eine Aktivität auf Nicht-Zielorganismen - , dann müssten doch die klassischen Bt-Präparate schnellstens überprüft werden. Seit Jahrzehnten werden diese in der organischen Landwirtschaft als biologische Pflanzenschutzmittel verwendet. Sie gelten völlig zu Recht als umweltverträglich und förderlich für ein nachhaltiges Wirtschaften. Der Wirkungsmechanismus von Bt-Toxin ist bis in die molekularen Details aufgeklärt. Man muss schon fragen: Ist der mode of action eines Wirkstoffs abhängig von der herrschenden politischen Weltanschauung in der Landwirtschaft?
"Es ist eine Art Politbiologie entstanden."
bioSicherheit: Was folgt daraus? Müssten die Wissenschaftler sich nicht stärker an der öffentlichen Debatte beteiligen? Man hat oft den Eindruck, dass die Wissenschaftler mit ihrer Expertise dort kaum vertreten sind. Damit überlassen sie der Politik das Feld.
Karl-Heinz Kogel: Das ist auch unsere Erfahrung vor Ort. Obwohl die Universität Gießen einen starken Schwerpunkt in den Lebenswissenschaften hat, beteiligen sich nur wenige Kollegen an der öffentlichen Diskussion. Was viele von ihnen abschreckt, ist diese Vermischung von politischen und wissenschaftlichen Argumenten. Man lehnt die Grüne Gentechnik ab, weil man dem organischen Landbau Priorität einräumt - das ist völlig in Ordnung. Aber wenn dieser politische Wille biologisch untermauert werden soll, kommt es zu haarsträubenden Aussagen: Da kreuzen plötzlich alle Pflanzen aus, die Bienen sterben wegen der Gentechnik und hier in der Wetterau gehen Kühe ein, weil sie Bt-Mais gefressen haben. Es ist eine Art Politbiologie entstanden. Wenn man so etwas immer wieder hört und als Wissenschaftler die Erfahrung macht, kaum etwa ausrichten zu können, dann sehen viele Kollegen keinen Sinn, sich an öffentlichen Debatten zu beteiligen. Man glaubt - oft zu Unrecht -, dass der Zeitaufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen steht. Ich sehe das Problem auch, wenn sich immer mehr Wissenschaftler aus der öffentlichen Diskussion zurückziehen, aber eine Lösung habe ich noch nicht gefunden.
bioSicherheit: Geht es nicht auch um ein grundsätzliches Problem? Was hat das langfristig für Folgen, wenn seriöse wissenschaftliche Erkenntnisse politisch dominiert werden, wie es aktuell oft den Anschein hat?
Karl-Heinz Kogel: Trotz aller Polarisierung plädiere ich für eine unaufgeregte Diskussion. Wir sollten uns weiterhin mit den Chancen der Grünen Gentechnik auseinandersetzen. Das Entscheidende ist, dass diese Diskussion wissenschaftsbasiert bleibt. Politische Entscheidungen sind klar als solche zu benennen und sollten nicht durch Verzerrung von biologischem Grundlagenwissen scheinbar rational begründet werden. Das würde uns schon viel weiter helfen. Geschieht das nicht, läuft die Politik Gefahr, Vertrauen zu verlieren - nicht nur bei der Wissenschaft.
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Cajo Kutzbach schrieb am 6.06.2007 um 13:17
Wir bruachen keine eckigen Fußbälle!
Frederic Vester forderte vor vielen Jahren, dass wir Fachleute brauchen, die nicht nur in ihrem Fach etwas leisten, sondern ihr Tun auch in den Zusammenhang stellen können. Das fehlt mir bei Befürwortern der Grünen Gentechnik.
Sie sehen nicht, dass die Grüne Gentechnik von der Wirtschaft eingesetzt wird, um durch Patente Macht über die Lebensmittelproduktion zu gewinnen.
Sie sehen nicht, dass die Abhängigkeit von einigen wenigen Sorten keinesfalls in der Lage ist den Hunger in der Welt zu lindern, sondern die Ernährung breiter Bevölkerungskreise gefährdet. Wohin die Abhängigkeit von wenigen Sorten führt, hat die Hungersnot in Folge der Kartoffelfäule in Irland schon vor langer Zeit demonstriert
Sie sehen nicht, dass die Koppelung von Grüner Gentechnik mit Totalherbiziden den Artenverlust beschleunigen würde.
Ich kenne Forscher, die mir schon vor dreissig Jahren versprachen, sie seien kurz davor Getreide gentechnisch zu befähigen Stickstoff aus der Luft zu binden. Das klappt m.W. bis heute nicht.
Wer sich ein wenig mit der biologischen Vielfalt auskennt, der weiß, dass selbst bei herkömmlicher Züchtung jede Menge Unfug entsteht (z.B. PSE-Fleisch).
Zu glauben, wie die Chemiekonzerne, die sich in den letzten 30 Jahren die Saatgutunternehmen einverleibten, man könne mit einigen wenigen Sorten weltweit Erfolge erzielen, der hat keinerlei Ahnung von der Komplexität funktionierender Ökosysteme.
Wer dann noch die Gesetze ändern lässt, damit der über Jahrtausende bewährte Nachbau aus der Vorjahresernte nicht mehr erlaubt ist (der ja grade erst die große Vielfalt der Kulturpflanzen erzeugte), der gefährdet die Welternährung, statt sie zu sichern.
Was bisher von der Gentechnik geleistet wurde, erwies sich als Flopp (Anti-Matsch-Tomate), führte die Bevölkerung in die Armut (Gensoja in Südamerika) oder ist so nützlich, wie eine eckiger Fußball (Genmais). Der Mais wurde bereits im vorletzten Jahrhunder als "Syphilis der Landwirtschaft" in einem Lehrbuch gebrandmarkt. Wer Pflanzen an ungeeigneten Standorten anbaut, oder in Mengen, die Schädlingsprobleme hervorrufen, der versteht offenbar nichts von den Zusammenhängen in Ökosystemen. Heutige Anbauverfahren in Europa sind teilweise weniger nachhaltig, als die Anbauverfahren der Inkas vor Jahrhunderten. Da hilft auch keine grüne Gentechnik, sondern da müsste man lernen, wie Ökosysteme funktionieren. Aber das sist so komplex, da lässt man lieber die Finger weg. Und die Beratung der Bauern überlies man jahrelang den Spritzmittelherstellern.
Wir brauchen keine eckigen Fußbälle oder kühne Versprechungen (Gentechnik hülfe gegen den Hunger in der Welt), sondern wir müssen wieder lernen standortgemäße Landwirtschaft zu betreiben, mit großer Sortenvielfalt, so dass einzelne Ausfälle kompensiert werden können.
Da wir 2025 die doppelte Menge Lebensmittel je landwirtschaftlicher Nutzfläche bräuchten, um den Hunger in der Welt zu stillen (858 Millionen Menschen hungern), ist die Beschäftigung mit grüner Gentechnik eine ungeheuere Verschwendung von Menschen und Material. Der Glaube an die Allmacht der Technik sollte spätestens mit der ungelösten Entsorung radioaktiver Abfälle gestorben sein, obwohl, oder grade weil man uns da auch das Blaue vom Himmel versprochen hat.
Da in vielen Bereichen das Wissen da ist, was anders gemacht werden müsste, muss man sich sogar fragen, ob die grüne Genforschung notwendig ist, wenn sie schon den Hunger in der Welt nicht bekämpft.
Wer sich über 30 Jahre intensiv mit Landwirtschaft und Entwicklungshilfe befasst hat, glaubt den Versprechungen der Forscher und der Firmen nur noch sehr wenig. Damit schadet die Grüne Gentechnik nebenbei auch dem Ansehen der Wissenschaft, eben, weil manche Forscher nicht über den Tellerand hinaus zu schauen vermögen. Leider!
Cajo Kutzbach
christine Gerstner schrieb am 12.07.2007 um 17:27
Ich kann das Argument, dass die Agrotechnik nötig ist um den Hunger zu bekämpfen nicht mehr hören. Alles Lüge und Verarschung. Dieses Argument wird nur deshalb immer wieder benutzt um die Menschen in dem Glauben zu lassen, wir wollen nur Gutes tun. Dabei sucht man nur wieder eine Möglichkeit den Landwirten und dem Verbraucher abhängig zu machen und im das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Und zum Thema Welthunger. Wie stets den mit den Aids-Medikamenten.
Hurra, endlich können wir auch den Menschen in armen Ländern helfen,
wie edel. Aber das diese sich die Medikamente nicht leisten können, weil große Konzerne die Preise dafür so hoch ansetzen und zusehen wie tausende elendig sterben. Wie pervers und ekelerregend. Und nun will uns die Wissenschenschaft die nächste Lüge auftischen und hintenherum hat sie uns an das Kapital verkauft. Leute wacht endlich auf.