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Zahl der Freisetzungsversuche weiter rückläufig

Pflanzenforschung in Europa: Wenige neue Gentechnik-Pflanzen

In Europa gibt es immer weniger Freisetzungsversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Die einzige Ausnahme ist Spanien, wo große Firmen eine Reihe von Anbauversuchen durchführen. Nur wenige Freisetzungen sind Bestandteil von Forschungs- und Entwicklungsprojekten, in denen es um Pflanzen mit neuen oder verbesserten Eigenschaften geht. Die weit verbreitete Ablehnung gentechnisch veränderter Pflanzen erschwert die Rahmenbedingungen für Forschung und Zulassung. Wissenschaftler und Firmen ziehen unterschiedliche Konsequenzen.

Freisetzungsanträge in der EU 2008 bis 2012

In der EU geht die Zahl der Freisetzungsanträge für gentechnisch veränderte Pflanzen seit 2009 zurück.

starker Befall durch die Kraut- und Knollenfäule phytophthora infestans (im Vordergrund links)

Die Kraut- und Knollenfäule ist im Kartoffelanbau ein großes Problem. In Irland werden 2012 widerstandsfähige cisgene Kartoffeln im Freiland getestet.
Bild: links befallene, rechts resistente Kartoffelpflanzen im Schaugarten Üplingen 2009

Für das Jahr 2012 wurden in der Europäischen Union bis Mai nur 41 neue Freisetzungsanträge für gentechnisch veränderte (gv-)Pflanzen gestellt. 2009 waren es noch über 100 Neuanträge, seitdem ist die Tendenz kontinuierlich fallend. 30 der neuen Anträge für 2012 kommen aus Spanien, die restlichen elf verteilen sich auf Schweden, Irland, Dänemark, Deutschland, Belgien, Tschechien, Ungarn und die Slowakei.

Unter den 41 Neuanträgen sind 27 Anbauversuche, die große Firmen wie BASF und Bayer mit bereits entwickelten gv-Pflanzen durchführen und die fast alle in Spanien stattfinden. Getestet werden Mais, Baumwolle und Zuckerrüben, die gegen Schädlinge oder Herbizide resistent sind. Die übrigen Anträge kommen bis auf eine Ausnahme aus Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen. Bei einigen geht es um Grundlagen- und Sicherheitsforschung. Nur zehn neu beantragte Freisetzungen gehören zu Projekten, in denen Pflanzen mit neuen oder verbesserten Eigenschaften entwickelt werden.

Höherer Vitamingehalt, niedrigerer Stickstoffbedarf, Krankheitsresistenz

So wird an der Universität Lleida in Spanien ein südafrikanischer Süßmais freigesetzt, der deutlich mehr Vitamin A, C und E enthält als konventionelle Maissorten. Das Projekt soll einen Beitrag leisten, die in Entwicklungsländern weit verbreiteten Vitaminmangelerscheinungen zu bekämpfen. Der transgene Mais wurde maßgeblich von Wissenschaftlern der Universität Frankfurt am Main mitentwickelt.

In Schweden werden von 2012 bis 2016 transgene Gerstenpflanzen freigesetzt, die weniger Stickstoffdüngung für ihr Wachstum benötigen sollen. Sie tragen zwei Gene aus der Ackerschmalwand, die es ihnen ermöglichen, stickstoffhaltige Verbindungen wie Aminosäuren effizienter aus dem umgebenden Boden aufzunehmen. Um veränderte Wachstumseigenschaften geht es auch bei den Versuchen in Belgien: Mais, der höher wächst, ohne mehr Biomasse zu produzieren, könnte dichter gesät werden als herkömmlicher Mais. Pappeln, die mehr Biomasse bilden, werden in Spanien getestet.

Bei weiteren Versuchen in Spanien werden Mais- und Tabakpflanzen freigesetzt, die einen erhöhten Zucker- und Stärkegehalt für die Produktion von Bioethanol aufweisen. Eine Firma in Tschechien forscht an transgenem Flachs, dessen Samen mehr Ölsäure enthalten.

In zwei Anträgen geht es um cisgene Pflanzen. Hier handelt es sich bei den neu eingeführten Genen nicht um artfremde, sondern um arteigene Gene. Trotzdem gelten diese Pflanzen rechtlich als GVO, so dass jegliche Freisetzung beantragt werden muss. An der Universität Aarhus in Dänemark wurde eine cisgene Gerste entwickelt, die ein zusätzliches Gen für das Enzym Phytase enthält. Es wird bisher mit Hilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen hergestellt und dem Futter von Schweinen und Geflügel beigemischt. Mit Hilfe der Phytase können diese Tiere einen weitaus größeren Teil des in Futterpflanzen enthaltenen Phosphors verwerten. Da sie weniger Phosphorverbindungen ausscheiden, wird gleichzeitig noch die Umwelt entlastet.

Das nationale irische Agrarforschungsinstitut Teagasc hat Freilandversuche mit einer cisgenen Kartoffel beantragt, die an der Universität Wageningen (Niederlande) entwickelt wurde. Die Kartoffel ist resistent gegen Phytophthora infestans, den Erreger der Kraut- und Knollenfäule, eine der wichtigsten Kartoffelkrankheiten. Bislang wird Kraut- und Knollenfäule fast ausschließlich mit chemischen Pflanzenschutzmitteln bekämpft. Die Wissenschaftler brachten ein Resistenzgen aus einer Wildkartoffel in eine Speisekartoffel ein.

Gesellschaftliche Ablehnung bis hin zu Zerstörungen: Forscher und Firmen ziehen Konsequenzen

Eine Phythophthora-resistente Kartoffel wurde bereits vor längerer Zeit von der Firma BASF entwickelt. Sie wird 2012 zum wiederholten Mal in Deutschland freigesetzt – auf zwei der gerade noch vier Freisetzungsflächen, die das deutsche Standortregister für dieses Jahr ausweist und die alle vor 2012 beantragt wurden. In Deutschland ist die Zahl der Freisetzungsversuche ebenso rückläufig wie auf europäischer Ebene: 2007 fanden noch rund achtzig Versuche statt, 2011 war die Anzahl bereits auf fünfzehn zurückgegangen.

Wissenschaftler und Firmen in Europa, die gentechnische Methoden in der Pflanzenforschung und -züchtung einsetzen, erleben seit Jahren, dass immer wieder Versuchsfelder zerstört werden. Auch sonst sehen sie sich einer tiefen gesellschaftlichen Ablehnung gegenüber, die auch der Grund für die schwierigen politischen Rahmenbedingungen bei der Zulassung von gv-Pflanzen ist. BASF zog Anfang 2012 die Konsequenzen und verlagerte seine Forschungssparte in die USA. Der Schaugarten Üplingen in Sachsen-Anhalt, in dem bis 2011 verschiedene gv-Pflanzen angebaut und umfangreiche Informationen zu Landwirtschaft und Gentechnik bereitgestellt wurden, wird 2012 geschlossen bleiben.

Wissenschaftler vom Rothamsted Research Institute südlich von London versuchen einen anderen Weg: Als radikale Gentechnikgegner vor kurzem eine Feldzerstörung auf dem Institutsgelände für Ende Mai ankündigten, erhielten sie eine öffentliche Videobotschaft von den Forschern. Auf dem Versuchsfeld steht ein gentechnisch veränderter Weizen, der einen Duftstoff aus Minze produziert, welcher schädliche Läuse fernhält. In ihrem Appell begründen die Wissenschaftler, warum sie ihre Forschung als Beitrag zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft sehen, und fordern die Aktivisten auf, von der Feldzerstörung Abstand zu nehmen und sich der Diskussion zu stellen.

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